Stell Dir vor, es ist…

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„Where is your courage?“ Fotografie eines Kunstwerkes von Lucia Dellefant.

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“

In den 80ern, zu Zeiten der Anti-Atom-Bewegung, die ja auch gleichzeitig wegen des Kalten Krieges irgendwie eine Friedensbewegung war, kursierte dieser Spruch auf vielen Stickern und Pins. Heute würde er wohl auf Pinterest oder Instagram kursieren, wenn denn dieser Spruch heute populär wäre. Ich selbst hatte so einen Sticker auf meiner Schultasche; noch heute klebt er auf meinem Akkordeonkoffer, kein Abrubbeln möglich. „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“ Wie wäre es wohl, wenn wir diesen Spruch heute ummünzen würden in

„Stell Dir vor, es ist Kapitalismus, Business as usual, und keiner macht mehr mit!“?

Bei vielen Menschen ist dieses Grundgefühl längst vorhanden. In Zahlen gemessen: 80 Prozent aller Deutschen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung – eine mit faireren Prinzipien, eine, die achtsamer mit der Umwelt und uns Menschen umgeht, besagt eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung. Du kennst die Phänomene dieser Tage vielleicht aus eigener Erfahrung:

  • Du fühlst keinen Sinn mehr in Deiner Arbeit, fühlst Dich wie im Hamsterrad, überlegst es zu verlassen, weißt aber nicht wie und mit was. Und überhaupt: Alles wird immer stressiger! Lassen wir Zahlen sprechen, die sicher der eine oder die andere schon öfters gehört oder gelesen hat. „Gegenüber dem Jahr 2003 haben sich die Krankentage auf Grund seelischer Leiden demnach mehr als verdoppelt. Auch die Falldauer bei Krankschreibung ist um ein Viertel gestiegen“, ist beispielsweise in einem Artikel in der WELT vom Juli 2015 zu lesen. Seit einigen Jahren kursiert das geflügelte Wort von der Politikverdrossenheit. Eigentlich gehört ein weiteres dazu: das von der Arbeitsverdrossenheit – und dabei geht es nicht darum, dass viele nicht mehr arbeiten wollen. Im Gegenteil: Viele sehnen sich nach Arbeit, aber eben einer richtig guten, die konform mit dem ist, was sie – vielleicht unbewusst – in sich als Wertegerüst tragen.1)Ich kann diese vielen Menschen (und vielleicht gehörst auch Du dazu?) sehr gut verstehen: Ich habe es selbst auch irgendwann nicht mehr ausgehalten, 2006 meinen (vermeintlich) sicheren Job in einem Großkonzern verlassen, mich in die Selbständigkeit begeben und auch in meiner Freiberuflichkeit in den vergangenen Jahren eine ordentliche „Wertekorrektur“ vorgenommen. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal :-).
  • Du fühlst ein dumpfes Unbehagen, dass Du diese Wirtschaftspraktiken auch als Konsument nicht mehr hinnehmen willst – wie wir Tiere „verarbeiten“, wie wir mit der „Humanressource Mensch“ umgehen, wie wir es uns selbst auf Kosten der so genannten Dritten Welt kuschelig machen und andere Menschen für uns in unwürdigen Verhältnissen irgendwie überleben müssen.  Wollen wir wirklich weiter so an diesem Rad drehen?
  • Du bist vielleicht sogar selbst Chef und fühlst Dich in einem Dilemma: Eigentlich ist es Dir zuwider, ständig in Effizienzen und Kostenminimierungen zu denken. Aber es hilft nichts: Maßstab Deines Erfolgs sind die schwarzen Zahlen, die Dein Profitcenter am Geschäftsjahresende oder gar Quartalsende (noch mehr Druck!) schreibt. Wenn die nicht wären, würdest Du ganz anders…

Wenn das denn so ist, warum machen wir das denn überhaupt länger mit?

Wollen wir Killerphrasen die Oberhand lassen – wie etwa: „Das haben wir schon immer so gemacht?“ „Das System ist eben so, es gibt kein nunmal kein anderes!“, „Das System hat sich bewährt, jetzt was Neues anzufangen, wäre doch völlig naiv!“ oder aber die beliebtesten Angstmacher-Sätze: „Wenn wir das anders machen, dann gehen doch hunderttausende Jobs flöten!“ „Wenn wir da nicht mehr machen, gehen wir Konkurs!“ und „Wenn wir als Volkswirtschaft nicht mehr mitmachen, verlieren wir den Anschluss an die Weltwirtschaft!“

Ich glaube (und Zahlen habe ich dazu nicht, wie denn auch?), dass das Unbehagen gegenüber dem, wie wir heute arbeiten und wirtschaften viel weitere Kreise zieht, als wir ahnen.  Das ist eine riesige Dunkelziffer, unzählige Menschen, die sich bisher noch nicht zu ihrem „Wirtschaftsfrust-Outing“ stehen können, weil sie denken sie wären „nicht normal“ oder sie „müssten da mal eben durch, weil das grad so ne depressive Phase ist“ oder auch sie „dürften jetzt nichts falsch machen und sich keine Blöße geben, weil sie das Geld ja brauchen“.

Wow, was ist da an unterdrücktem Potenzial,
das wir nutzen könnten, um es anders besser zu machen!
Schließlich haben wir ja das heutige Wirtschaftssystem
auch mal so aufgebaut oder wenigstens mitgemacht.

(Oder hast Du nur zugeguckt? Und sage mir jetzt nicht, Deine „Eltern“ oder die „Politik“ oder „die Mächtigen“ oder die „Wirtschaft an sich“ seien schuld….)

Also… was wäre, wenn….

… Du diese Woche anfängst und heute einmal ein weniger mutiger bist…

  • … Dir ein Stündchen Zeit nimmst, um zu erträumen, was Du Dir an Deiner Arbeit, an unserer Wirtschaft anders wünscht,
  • … Dich vielleicht ganz sanft „outest“, dass Du SO nicht mehr arbeiten magst (Wer weiß, vielleicht sind Deine Kollegen sogar ganz erleichtert und wer weißt, vielleicht ist es Dein Chef auch?)
  • … vielleicht sogar Veränderungen vorschlägst („Sagt mal, unsere Kantine, könnten wir da nicht…?“ „Woher kommen eigentlich unsere Komponenten und wie geht es den Menschen, die sie herstellen, das frage ich mich schon die ganze Zeit, in der ich hier dran rumschraube…“, „Ich wünsche mir, dass wir uns mal gegenseitig loben, nicht nur immer Druck machen“)

Und was wäre, wenn Du dann feststellst, dass Du mit Deinem Unbehagen gar nicht allein bist, sondern viele Deiner Kolleg*innen, vielleicht sogar Chefin oder Chef, ähnlich empfinden – und was wäre, wenn es sogar fünf Prozent wären? Wäre ja gar nicht auszudenken 😉 (Was es mit den fünf Prozent Magisches auf sich hast, liest Du, wenn Du auf diesen Link klickst)

Eines steht fest: Wenn Du es nicht probierst, wirst es nicht rausfinden, sondern  weiter frustriert bleiben – kein schöner Zustand. Und ich habe im Übrigen mal eine tolle Managementregel von Dr. Reinhard K.Sprenger gelernt, nach der ich mein Handeln stets auszurichten versuche: „Love it, change it oder leave it!“ Und? Was machst DU jetzt?

Es gibt so viele Möglichkeiten, in ganz kleinen Mini-Schritten mit Bedacht etwas anzustoßen, viel mehr als Du denkst… Deinen Job wirst Du so leicht nicht verlieren, Du wirst nämlich gebraucht – als „wacher Mitarbeiter“ noch viel mehr. Und es ist schon so viel mehr da, als Du vielleicht bisher wahrgenommen hast:

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Cover der Broschüre „Anders leben, besser wirtschaften“ (2016) – Mein Coop-Werk mit SLU – Heinrich Böll Stiftung :-)

Es gibt noch so viel mehr…

Das sind nur drei von tausenden realer Wirtschafts-Utopien, die schon jetzt und heute Wirklichkeit geworden sind. Im Buch „Glücks-Ökonomie: Wer teilt, hat mehr vom Leben“ des Autorinnen-Duos Annette Jensen und Ute Scheub findest Du noch viele weitere Beispiele. Und ich bin stolz, vor kurzem eine Publikation mit Unterstützung der Stiftung Leben und Umwelt / Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen konzipiert, „erschrieben“ und veröffentlicht zu haben, die skizziert, was hier in Hannover so passiert. Du kannst sie hier bestellen – natürlich gerne direkt auch bei mir, wenn Du mir eine Mail an info@ars-scribendi.com mit Deiner Postadresse schreibst :-).

Also…. ich wünsche Dir eine ganz mutige Woche…  und ich freue mich, wenn Du vielleicht berichten magst :-)

Mich inspiriert übrigens JETZT gerade der Song von Emily Sandé „Read about it“ – Kennst Du ihn?

References   [ + ]

1. Ich kann diese vielen Menschen (und vielleicht gehörst auch Du dazu?) sehr gut verstehen: Ich habe es selbst auch irgendwann nicht mehr ausgehalten, 2006 meinen (vermeintlich) sicheren Job in einem Großkonzern verlassen, mich in die Selbständigkeit begeben und auch in meiner Freiberuflichkeit in den vergangenen Jahren eine ordentliche „Wertekorrektur“ vorgenommen. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal :-).
2. Über die Gemeinwohl-Ökonomie werde ich in Kürze an anderer Stelle noch mehr schreiben. Du kannst Dich freuen :-

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