Patch-Life oder: Meine Familie, meine Berufung und ich sind gleichberechtigt

Beitrag zur Blogparade von Gwynnefer Silvia Kinne zum Thema „Frauen und Macht“

„Wenn die Frauen endlich das Gefühl haben,
dass sie einfach sie selbst sein können
und nicht versuchen müssen, wie die Männer zu sein,
und wenn sie dabei auch noch Rücksicht nehmen können
– dann wurden wirklich Fortschritte erzielt.“
(Ruth Anderson, Vice-Chairman bei KPMG)

Karriere machen, für die eigene Berufung im Feuer stehen und gleichzeitig Mutter sein?
Das scheint noch oft nicht miteinander vereinbar zu sein, trotzdem sich geschlechtsspezifische Rollenklischees aufzulösen beginnen. Vereinzelt gelingt das wohl, doch ich erlebe bei vielen Müttern eine Zerrissenheit: Während sie im Beruf ihre Frau stehen, schwirrt ihnen das kranke Kind im Kopf umher, Während sie sich um ihr Kind kümmern, muss nebenbei noch das nächste Projekt gestemmt werden. Auch ich bin lange nicht frei davon. Ich weiß es also lange nicht besser und habe oft auch keine Lösungen. Ich mag einfach meine Geschichte mit Dir teilen, vielleicht findest Du Dich ja darin wieder. In jedem Fall finde ich: Wir haben hier noch gut zu tun, und es darf viel selbstverständlicher werden, dass Berufs- und Familienleben sich miteinander versöhnen. Sie sind keine Feinde, sie bedingen einander und können sich sogar inspirieren.

Das ist meine eigene Geschichte:

Als ich Kind war, reisten wir einmal gedanklich ins Jahr 2000 – im Jahr 2000 würde ich 29 Jahre alt sein. Für mich war sonnenklar: Dann stehe ich fest und erfolgreich im Beruf und habe 3-4 Kinder. „Das geht nicht. Das kannst Du Dir von vornherein abschminken“, erwiderte meine Mutter im Brustton der Überzeugung. Muttersein und gleichzeitig zu arbeiten und sogar Karriere machen, das schien für sie unvereinbar zu sein. Als ich dann schließlich 29 Jahre alt war, war ich – fast frisch nach Ausbildung und anschließendem Studium – in einem verheißungsvollen Traumjob mit Perspektive bei einem Großkonzern gelandet – und arbeitete mindestens 60 Stunden in der Woche – oft sogar mehr. Der Job bereitete mir riesig Freude, schließlich war das, was ich tat auch irgendwie wichtig. Doch es klopfte immer mal wieder die Sehnsucht bei mir an, Mutter werden zu wollen, es zu spüren wie ein Kinder in mir wächst, einem kleinen Wesen Liebe schenken zu können. Im Jahr 1998 kurz vor Studienende hatte ich sogar eine langjährige Beziehung beendet, weil dieser Mann keine Kinder wollte. Allerdings wollten die Männer, denen ich in der Zeit um die Jahrtausendwende näher kam, meistens nur Affären, nichts Festes. Offen gestanden hätte auch ich mich damals mich selbst nicht tiefer in Beziehungen begeben können.  Doch meine biologische Uhr tickte.

Und? Wie halten Sie es mit der Familienplanung?

Als ich schließlich konzernintern den Job wechselte, kam beim Bewerbungsgespräch die Frage auf den Plan, einer Gretchenfrage gleich: „Und, wie halten Sie es mit der Familienplanung?“ Ich sagte, dass das noch Zeit habe. Macht „man“ ja so, wenn man einen Job haben will. Zumindest damals machte „man“ das in meiner Vorstellung so. Heute würde ich damit ehrlicher und offener umgehen und finde es ein Unding, dass davon Karrieren abhängen. Ja, ich sagte, das habe noch Zeit, doch innerlich schrie es in mir. Da war eine so tiefe Sehnsucht, Leben zu schenken. Claus-Marc-Thomas-Daniel-Daniel-Werner-Sebastien-Pierre-Yves-Jean kamen und verneinten und gingen, doch meine Sehnsucht blieb. Zwei beste Freundinnen waren fest an meiner Seite –auch ihr Leben verlief sexuell turbulent, aber unerfüllt. Susanne sagte einmal: „Steffi, wenn´s mit dem nächsten Mann nicht klappt, lass uns lesbisch werden, ich liebe Dich sowieso.“

Unverhofft kommt oft: Endlich werde ich Mutter 

Dann kam Stefan in mein Leben. Und mit ihm Marten. Wir lernten uns beim Wandern in Ligurien kennen. Es war so leidenschaftlich, dass ich alles vergaß, und so zeugten wir sofort ein Kind, vermutlich sogar in einer unserer ersten Nächte. So wuchs Marten in mir, das größte Geschenk meines Lebens. Ich war so froh, doch auch gleichzeitig so voller Ehrfurcht vor diesem Leben, das in mir heranreifte. Da war jemand vollends von mir abhängig, noch nie habe ich so eine große Verantwortung gegenüber einem Wesen oder einer Sache gespürt. So spürte ich Marten in mir wachsen, ein neues Leben. Doch dafür starben andere Leben: In meinem Job war mir in Aussicht gestellt worden, an einem Führungsnachwuchs-Programm teilnehmen zu dürfen. Davon war mit meiner Schwangerschaft keine Rede mehr; die Tür war fortan verschlossen. Heute bin ich dafür dankbar, denn Martens Geburt hatte für mich neue Wege vorgesehen.

Doch nicht nur beruflich gab es Umbrüche: Das neue Leben mit Stefan, Martens Papa, funktionierte auch nicht, war eigentlich schon eine Totgeburt, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Doch ich traute mich erst, als Marten ein Jahr alt war, mich von dieser Beziehung zu lösen. Der endgültige Auslöser, das letzte I-Tüpfelchen mich zu trennen (es gab noch viele Gründe mehr), war übrigens genau das Thema „Gleichberechtigung“: Stefan und ich hatten vereinbart, dass zunächst ich ein Jahr Elternzeit nehme und dann er. Doch kurz bevor Stefan seine Elternzeit nehme sollte, machte der einen Rückzieher. „Das kann ich doch nicht machen, wie stehe ich denn bloß vor den Kollegen da? Außerdem gefährde ich doch meine Karriere“, redete sich Stefan heraus. Und das, obwohl ich in meinem damaligen Job fast doppelt so viel verdiente wie er.

In der Doppelrolle: Mutter und gleichzeitig Karrierefrau

Kurzerhand organisierte ich eine Tagesmutter und zog ich einen Schlussstrich unter die Beziehung. Weil ich wirklich unabhängig sein wollte – auch finanziell, war die Lösung wieder voll arbeiten zu gehen. Mein Sohn war während der Arbeitszeit bei einer liebevollen Tagesmama, die sich als absoluter Glücksgriff herausstellte. Ein Jahr nach Martens Geburt wieder arbeiten zu gehen, war nicht nur ein finanzieller sondern auch ein genereller Befreiungsakt für mich: Meine Arbeit gab mir Sinn und Identität, gab mir Sichtbarkeit, gab mir das Gefühl etwas Wert zu sein. Mich allein um meinen Sohn zu kümmern, reichte mir nicht, machte mich depressiv. Ich entsprach dem kollektiven Glaubenssatz, dass berufliche Anerkennung offenbar mehr Wert ist als das „Heimchen am Herd“ zu sein. Ich brauchtei Anerkennung im Außen, weil ich aus mir selbst heraus nicht wertvoll genug schien. Dabei kann es doch eigentlich nichts Schöneres geben, als Mutter zu sein. Ich habe die Frauen, die ausschließlich Mutter sein konnten und in dieser Rolle (zeitweise) total aufgingen, stets sehr bewundert. Ich vermochte das nicht, zumindest damals nicht. Heute weiß ich, dass das mit mangelnder Selbstliebe zu tun hatte, doch ich konnte damals schlicht nicht anders.

Bei meiner Arbeitsstelle stieß ich nach der Elternzeit auf unausgesprochene Widerstände. Mein damaliger Chef war sehr konservativ, fand, dass ich besser mindestens drei Jahre zu Hause bleiben sollte. So war klar, dass es hier eine neue Lösung brauchte, auf der jetzigen Stelle konnte ich nicht mehr bleiben. Meinem Chef und meinen Kollegen erzählte ich auch nicht, dass ich alleinerziehend und auf den Job angewiesen war. Ich mache auf „heile Welt“, hatte keine Lust, auch deshalb noch Stress zu bekommen.

Passender Weise interessierte sich ein anderer Unternehmensbereich für mich und wollte mich einstellen. Allerdings zeichnete sich nach einiger Zeit ab, dass die neuen Stellen nicht geschaffen werden konnten. Doch mein designierter Chef machte mir schließlich ein interessantes Angebot: „Sie könnten doch auch freiberuflich für uns arbeiten!“ Über eine solche Konstellation hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Mit einer fetten Abfindung, die ich von meinem Arbeitgeber erhielt, erschien mir das damals fast wie ein Sechser im Lotto. Das bedeutete: von zu Hause arbeiten zu können und damit sehr flexibel zu sein, was die Kinderbetreuung anging.

So startete ich mit viel Enthusiasmus in das Abenteuer Freiberuflichkeit und Unternehmertum, das es mir ermöglichte, meinen Berufungswünschen nachzugehen, wie auch mich um mein Kind zu kümmern, ganz so, wie ich es brauchte. Das hat vieles erleichtert und hat sich bis heute als gute Lösung erwiesen – mit einer optimalen Abrundung: Seit einem Jahr habe ich eine Halbzeitstelle (die Renten- und Krankenversicherung für mich zahlt – wie großartig!) und kann meine freiberuflichen Tätigkeiten darum herum bauen. Meine Halbzeitstelle kann ich sehr flexibel im Homeoffice ausüben, was die Berufs-Familien-Kombi sehr vereinfacht. Ich bin mit tollen Jobs gesegnet, die mich erfüllend tätig sein lassen und mir große Gestaltungsspielräume für meine Berufe und mein Familienleben schenken. So sehr DANKE, dass das möglich ist!

Und doch: Es ist ein Schattenthema

Ich kann dennochnicht verhehlen: Mir Freiräume zu organisieren, ist für mich (leider) dann manchmal doch ein Kampf –  bspw. wenn ich an den Wochenende unterwegs bin, muss ich schauen, ob mein Sohn beim Papa Stefan sein kann, die Zeit bei meinem neuen Partner Michael verbringen oder ob ich ihn sogar mitnehmen kann. Ja, es ist manchmal ein Kampf (ich muss es leider so schreiben, denn ich habe das Gefühl, diese Freiräume für mich erkämpfen zu müssen, die Väter haben sie wie selbstverständlich ich muss sie mir schaffen). Hier ist also noch Luft nach oben, für den ich selbst sorgen kann, in dem ich weniger im Wutmodus agiere.

Die Liebe zum Kind und die Liebe zur Berufung

Mein Sohn ist das größte Geschenk meines Lebens, er ist mein großer Lehrer. Er hat mich gelehrt, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Er zaubert mir so oft ein Lächeln ins Gesicht und Tränen in die Augen. Er lässt mich Vorbild sein, Lehrerin und Schülerin zugleich. Er schenkt mir Bestätigung, wenn ich sehe, wie liebevoll, aufrecht, selbstbewusst und humorvoll er heute im Leben steht. Sein „Mama, ich hab dich ganz doll lieb“, ist oft der schönste Satz des Tages. Gleichzeitig bin ich auch dankbar für die Zeiten, die ich für mich sein kann, für mich selbst und für meine Berufung. Ich finde, das ist keine Zerrissenheit, sondern zeigt, dass wir Frauen vielfältig Mensch sind – mit dem Bedürfnis Mutter zu sein, und dem Bedürfnis, uns auch in anderen Formen auszudrücken, Unternehmen und die Gesellschaft zu formen. Und ich glaube, wir werden in unserer Vielfalt gebraucht – und mit unseren weiblichen Qualitäten, gerade auch, wenn wir Mütter sind.

Einfache Mutter plus Kopfgeburten

Übrigens bin ich einfache Mutter geblieben. Nach Marten war ich noch einmal schwanger, doch es sollte nicht sein. Das Affärending ging weiter, und in den Folgejahren kreierte ich einige berufliche Babys. Kopfgeburten würde Günter Grass sie nennen. Manchmal bin ich wehmütig deshalb. Ich finde, Kinder zu zeugen, ist etwas Großartiges. Doch bin ich froh und stolz und verliebt in meinen Sohn und dankbar, dass das Leben ihn mir geschenkt hat und ich ihm das Leben schenken durfte. Mehr Kinder sollten es nicht sein.

Was hat dieser Artikel mit Macht zu tun?

Ich glaube, dass Muttersein, eine Familie zu haben und fest im Berufsleben zu stehen, miteinander vereinbar ist, und das hat ganz viel mit Selbstermächtigung zu tun, damit zu tun, sich seine eigenen Sehnsüchte einzugestehen. Es gibt hier kein Schwarz oder Weiß, und ich wünsche mir, dass Frauen darin unterstützt werden, flexible Wege zu finden, beruflich teilzuhaben und trotzdem Mutter zu sein. Denn das ist kein Makel, sondern schafft neuen Perspektiven, die in einem guten Leben ihren Platz brauchen. Ich finde, hier ist gesellschaftlich noch ganz viel Luft nach oben.

Während ich dies schreibe, an einem schönen Vormittag des 1. Mai 2017, spielen mein Sohn, mein Mann und meine Mutter nebenan ein Würfelspiel. Ich nehme mir den Freiraum, diesen Artikel zu schreiben. Weil auch das für mich Nahrung für meine Seele ist. Gleich schließe ich mich den Spielenden an – mit dem entspannten Gefühl, vorab gut für mich gesorgt zu haben. Danke, dass ich immer besser auf meinen Weg bin.         

 

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